Ein Wochenende voller Erkenntnisse, Gemeinschaft und Aktivismus für eine gerechte Modeindustrie
von Lena Kandt, SÜDWIND-Institut

Hallo! Mein Name ist Lena, ich bin seit Januar als studentische Hilfskraft beim SÜDWIND-Institut tätig und unterstütze das Projekt „Fashioning a Just Transition“. Inhaltlich hatte ich vorab nur wenig Berührung mit dem Themenfeld einer sozial-ökologischen Transformation der Modeindustrie – umso spannender war für mich das diesjährige Aktionstreffen in Leipzig.
Organisiert wurde das Wochenende von der Kampagne für Saubere Kleidung, dem SÜDWIND-Institut, Eine Welt Leipzig und dem Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen. Ziel des Treffens war es, sich mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen in der Modeindustrie auseinanderzusetzen und Strategien für einen gerechten Wandel – eine „Just Transition“ – zu entwickeln.
Dieser Begriff steht für einen fairen Übergang hin zu nachhaltigen Wirtschafts- und Produktionsweisen, bei denen niemand zurückgelassen wird, auch nicht die Arbeiter*innen in globalen Lieferketten. In der Modeindustrie bedeutet das, den notwendigen ökologischen Umbau mit menschenrechtlichen Verbesserungen zu verbinden: existenzsichernde Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und Mitsprache für Beschäftigte.
Die Textilindustrie zählt zu den umweltschädlichsten Branchen weltweit – etwa 10 % der globalen CO₂-Emissionen gehen auf ihr Konto. Gleichzeitig herrschen in vielen Produktionsstätten weiterhin prekäre Bedingungen. Wir diskutierten auf dem Aktionstreffen verschiedene Methoden für Bildung und Aufklärungsarbeit und politische Forderungen, um einen gerechten Wandel zu bewirken. Falls ihr noch mehr zur Einleitung über „Just Transition“ erfahren wollt, schaut unsere Blogbeiträge an: Just Transition – auf dem Weg in eine gerechtere Welt? | SÜDWIND Blog oder Fashioning a Just Transition – Fragen zur Debatte | SÜDWIND Blog
Globale Perspektiven, Herausforderungen und neue Dynamiken in der Modeindustrie
Das Aktionstreffen bot eine intensive Auseinandersetzung mit den sozialen, ökologischen und politischen Dimensionen der globalen Textilindustrie. In Vorträgen und Diskussionen mit Expert*innen – darunter Dr. Sabine Ferenschild und Dr. Jiska Gojowczyk vom SÜDWIND-Institut – wurden die strukturellen Ursachen menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen ebenso analysiert wie die politischen Rahmenbedingungen einer gerechten Transformation der Branche. Zur Sprache kamen die Grenzen bisheriger Regulierungsansätze, etwa die Lücken des Lieferkettengesetzes und asymmetrische Machtverhältnisse in globalen Wertschöpfungsketten sowie die zunehmenden Risiken aktueller Beschaffungsstrategien (insbesondere in asiatischen Produktionsländern). Zudem wurden die technologischen und systemischen Barrieren für textile Kreisläufe aufgezeigt: Mischgewebe dominieren den Markt, lassen sich jedoch bislang kaum effizient trennen und bremsen damit den Übergang zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.
In der Paneldiskussion mit Armin Šestić aus Bosnien-Herzegowina und Andriko Otang aus Indonesien wurde deutlich, dass „Just Transition“ nur wirksam wird, wenn die Erfahrungen und Forderungen der Beschäftigten in den Produktionsländern einbezogen werden. Die beiden langjährig mit Gewerkschaften Engagierten forderten von der europäischen Zivilgesellschaft den Einsatz für mehr Sicherheit und Schutz für Arbeiter*innen, stärkere Unterstützung lokaler Gewerkschaften bei ihrer politischen Teilhabe und konsequenten Druck auf Marken mit prekären Arbeitsbedingungen in den Lieferketten. Im Allgemeinen forderten sie gezielte Aus- und Weiterbildungsprogramme, um Zukunftsperspektiven zu schaffen.
Darüber hinaus setzten wir uns in praxisorientierten Workshops mit Konsummustern, den Auswirkungen schlechter Arbeitsbedingungen auf das Leben der Näherinnen sowie neuen Aktionsideen gegen Ultra-Fast-Fashion-Konzerne wie Shein und Temu auseinander (wobei auf ihre extrem schnell steigenden Konsum- und Produktionszyklen aufmerksam zu machen ist). Zudem gestalteten wir eine „Kleidertausch-Party“ mit unseren eigenen Aktionsideen und initiierten eine Arbeitsgruppe für junge Engagierte zur Stärkung des europäischen Youth Advisory Boards (YAB).
Mein persönliches Highlight: Menschen und Aktivismus erleben
Ein besonderer Höhepunkt bestand für mich darin, neue Menschen kennenzulernen. Die Vielfalt der Teilnehmenden – von Anfang 20 bis über 80 Jahren – eröffnete facettenreiche Perspektiven und ergab spannende Gespräche zum Thema. Außerdem war die Atmosphäre von Beginn an sehr herzlich. Alle Teilnehmenden und das Organisationsteam waren freundlich und offen, sodass schnell ein starkes Gemeinschaftsgefühl entstand.
Unvergesslich blieb zudem die aktivistische Aktion in der Leipziger Innenstadt. Bereits am Freitagabend bereiteten wir, gemeinsam mit dem Kollektiv Loom Loop, textile „Kunstobjekte“ vor, indem wir alte Stoffe in großformatige Webrahmen oder Einkaufswägen einarbeiteten. Am Samstag war ich dann tatsächlich zum ersten Mal selbst aktivistisch auf der Straße unterwegs. Wir inszenierten symbolisch eine Textilfabrik, riefen Slogans per Lautsprecher, verteilten Informationsmaterial und luden Interessierte ein, eigene Botschaften und Wünsche in das Gewebe einzuflechten. Dabei sprachen wir mit Passant*innen über Arbeitsrechte, Konsumverhalten und Alternativen zur Fast Fashion. Viele beschrieben dabei ihren Zwiespalt: Sie wissen um die Missstände der Branche und den nötigen Wandel, kämpfen aber damit, ihr eigenes Kaufverhalten in unserer konsumorientierten Gesellschaft tatsächlich zu ändern.
Insgesamt fiel die Resonanz auf die Aktion durchweg positiv aus. Insbesondere das gemeinsame Tanzen am Ende der Aktion sorgte für einen wunderbaren Abschluss und animierte selbst Zuschauer*innen zum Mitmachen und Lächeln.
Trotz aller Herausforderungen: Hoffnung und Zuversicht
Auch wenn der Weg hin zu einer „Just Transition“ noch lang ist und es viele neue Herausforderungen gibt, gehe ich mit einem positiven Gefühl aus diesem Wochenende heraus. Denn das Aktionstreffen hat mir gezeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, einen positiven Wandel zu gestalten. Vor allem die vielen engagierten Menschen, die ich getroffen habe und die sich aktiv für eine bessere Modeindustrie einsetzen, erhöhen meine Hoffnung und Motivation. Ich bin der Meinung, dass, so wie soziale Medien den Ultra-Fast-Fashion-Konsum gefördert haben, wir sie auch nutzen können, um den Trend umzukehren. Gemeinsam als globales Kollektiv können wir eine „Just Transition“ in der Modeindustrie vorantreiben.
Zusammengefasst war das Aktionstreffen ein echter Augenöffner: Mir wurden in kurzer Zeit umfassende Einblicke in die strukturellen Probleme und möglichen Lösungsansätze der globalen Modeindustrie gegeben. Besonders wertvoll war der direkte Austausch mit Menschen aus Produktionsländern sowie mit anderen Engagierten aus Deutschland. Ich nehme mit, dass eine Just Transition nur gelingt, wenn ökologische und soziale Fragen gemeinsam gedacht werden und wenn auch Konsument*innen, Aktivist*innen und politische Entscheidungsträger*innen zusammenwirken. Ein bewusster Konsum kann ein Anfang sein, doch strukturelle Veränderungen brauchen mehr: politische Rahmensetzung, internationale Solidarität und öffentliche Sichtbarkeit. Veranstaltungen wie dieses Aktionstreffen leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Am Ende zählt jede Handlung – und wir alle sind Teil des Gewebes, das unsere Zukunft gestaltet.







